Bis zur letzten Stunde

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Mit der Erinnerungsliteratur zum Nationalsozialismus ist es so eine Sache. Wer sich damit schon einmal etwas näher beschäftigt hat, weiss, wie schnell sich Aufklärungsanspruch und Schönfärberei zu verwischen neigen. Letzterer liegt zuweilen nicht einmal eine Täuschungsabsicht des Autors zugrunde, sondern ist vielmehr das unvermeidliche Produkt einer während Jahrzehnten unbewusst geleisteten Arbeit biografischer Dissonanzreduktion der Psyche.

Diesem Genre, um es einmal so zu nennen, ist also durchaus mit einer gewissen Skepsis zu begegnen. Das dachte ich mir auch, als ich Traudl Junges Erinnerungen an ihre Zeit als Sekretärin bei Hitler vor gut zehn Jahren geschenkt erhielt und es ungelesen ins heimische Bücherregal einreihte. Bereits 1947/48 aufgeschrieben, waren die Erinnerungen im Jahre 2002 kurz vor Junges Tod unter der kundigen Mitarbeit Melissa Müllers im Claassen Verlag als Buch erschienen.

Vor kurzem nahm ich das Buch mehr zufällig wieder einmal aus dem Regal und konnte es nicht mehr weglegen, bis ich es ganz gelesen hatte. Die Erinnerungen Junges lesen sich stellenweise zweifelsohne geradezu gespenstisch oberflächlich und naiv, vermitteln dem interessierten Leser aber ungemein atmosphärische Detailbeschreibungen des Alltags rund um Hitler und seine Entourage – sei es auf Reisen, auf dem Berghof oder im Führerbunker. Die von Melissa Müller geschriebene biografische Einleitung und das ausführliche Nachwort runden den Hauptteil des Buches mit den in der ursprünglichen Fassung wiedergegebenen Aufzeichnungen Junges aus dem Jahren 1947/48 ab.

Junge, T. (2002): Bis zur letzten Stunde. Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben. Berlin, Claassen, 271 Seiten

Piraten, Piraten

Seit die Piraten bei den Landtagswahlen im Saarland auf Anhieb die 5-Prozent-Hürde genommen haben, sind sie beliebtes Dauerthema in Politikteil und Feuilleton der grossen deutschen Blätter. Ihr respektables Ergebnis in Schleswig-Holstein rückt sie nun noch stärker in den Brennpunkt des Interesses.

Das weckt Erinnerungen. Vor etwas mehr als dreissig Jahren waren es die Grünen, die als alternative, neue Kraft am Horizont der Parteienlandschaft auftauchten, um in den darauffolgenden Jahren Ökologie, Geschlechterverhältnisse und gesellschaftliche Pluralität als bisher von den grossen Parteien nur marginal besetzte Themen zu einem festen Bestandteil des bundesrepublikanischen Themenhaushalts zu machen. Das in den Anfangsjahren der Partei zuweilen provokante Auftreten mancher Grüner (legendär in diesem Zusammenhang Joschka Fischers an die Adresse von Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen im Oktober 1984 gerichteter Zwischenruf: “Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!”) sorgte schon mal dafür, dass konservative Kommentatoren entsetzt aufschrien und das Ende des Abendlandes gekommen sahen. Doch all das ist lange vorbei. Heute haben die Grünen mit alternativer Gesellschaftskritik nichts mehr am Hut und gehören zu den etablierten Parteien. Die von Rudi Dutschke einst beschworene Strategie des “Langen Marsches durch die Institutionen” scheint stets in der Vereinnahmung durch das System und nicht in der Besetzung wichtiger Positionen in Politik und Gesellschaft und der Erringung einer gesamtgesellschaftlichen Diskurshoheit zu münden.

Ereilt die Piraten also in einigen Jahren das gleiche Schicksal wie die Grünen? Werden sie – als Hoffnungsschimmer all jener, die von der traditionellen Politik enttäuscht sind und sich die Freiheit des Netzes als Garant für eine bessere Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben haben – mit der Übernahme politischer Verantwortung vom politischen System unweigerlich “rundgelutscht”, wie der ehemalige Bundesvorsitzende der Piraten, Sebastian Nerz, kürzlich in einem Interview sagte? Nein, diese Gefahr besteht nicht, denn die meisten von ihnen sind bereits perfekt rundgelutscht, geprägt von Wettbewerb und Leistungsdruck in Studium und Beruf sowie einer radikalen Entpolitisierung vieler Lebensbereiche. So überrascht es auch nicht, dass sich die aktuelle Führungsriege innerhalb der Piratenpartei bewusst meinungsneutral und vage gibt. Ihre eigene Lebenserfahrung und die Angst vor dem Shitstorm, der sie heimsucht, falls sie die “volonté générale” der Parteibasis missachtet, lässt sie jedes Profil vermissen. Bemerkenswert auch das in Interviews und TV-Talkrunden an den Tag gelegte politische Nichtwissen mancher Piraten. Es reicht eben nicht, die Gesamtheit der Welt durch die digitale Brille der “Generation Netz” deuten und verstehen zu wollen.

Fairerweise ist zu sagen, dass die Piraten aktuell noch ganz am Anfang stehen und erst noch die entsprechenden personellen, strukturellen und finanziellen Grundlagen schaffen müssen, um als Partei voll und ganz zu funktionieren. Im Hinblick auf die Bundestagswahl 2013 wird schon in den nächsten Monaten ein deutlicher Professionalisierungsschub feststellbar sein. Dass sie in den Bundestag einziehen werden, ist ziemlich sicher, denn das Bedürfnis der Wählerinnen und Wähler nach einer Alternative ist riesig. Es fragt sich allerdings, ob die Piraten diese Alternative sind. Wir werden sehen…

Kapuzenpulli

Ein Kapuzenpulli, ein schwarzer Teenager und ein Mitglied der Bürgerwehr. Ergebnis: ein toter Teenager. Wie das alles zusammenhängt? Gute Frage. Aber der Reihe nach.

Am Abend des 26. Februars 2012 wird der siebzehnjährige schwarze Teenager Trayvon Martin in Sanford, Florida, von einem Mitglied einer freiwilligen Bürgerwehr erschossen, als er kurz rausgeht, um während der Basketball-Halbzeit im nahen 7-Eleven etwas zum Knabbern zu holen. Der Täter beruft sich auf Notwehr, die Behörden glauben ihm. In einer beispiellosen Aktion gelingt es den Eltern jedoch, über eine Internet-Petition den Fall einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Es regt sich zunehmender Protest, der Bezirksstaatsanwalt Norm Wolfinger letztlich dazu veranlasst, eine Grand Jury einzusetzen, um den genauen Todesumständen des jungen Teenagers doch noch auf den Grund zu gehen. Die Ermittlungen sind im Gange.

Eine Geschichte, wie sie in den USA auch fast fünfzig Jahre nach dem Marsch auf Washington Alltag ist. Obgleich rassistische Vorurteile zwar nicht mehr durch einen breiten Mehrheitsdiskurs weisser Überlegenheit gesellschaftlich legitimiert sind, existieren sie im Alltag weiter. Der bekannte TV-Moderator Geraldo Rivera gab daher farbigen Jugendlichen im Frühstücksfernsehen von FOX News kürzlich den guten Rat, in Zukunft darauf zu verzichten, im Hoodie auf die Strasse zu gehen, da der Kapuzenpulli in der Bevölkerung so stark mit Kriminalität und Gewalt assoziiert würde, dass die Gefahr, darin als Bedrohung zu erscheinen und in der Folge von einem panischen Mitbürger erschossen zu werden, durchaus gegeben sei. Trayvon Martin trug einen Hooddie, als er starb.

Riveras Äusserung hat eine Debatte über Bekleidungsfragen ausgelöst, die bizarr anmutet, aber eine Entwicklung ins allgemeine Gedächtnis ruft, die Sozialpsychologen seit längerem Kummer bereit: nämlich die fortschreitende Stereotypisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen (z.B. in Form des täglich in Reality-Shows und Lokalnachrichten reproduzierten Bildes krimineller Jugendlicher schwarzer Hautfarbe) sowie eine immer prominentere TV-Berichterstattung über lokale Gewaltverbrechen und andere (vermeintliche) Bedrohungen aller Art. Eine Entwicklung, für die Soziologen wie Barry Glassner (1) oder Frank Furedi (2) vor einigen Jahren den mittlerweile populären Begriff der “Kultur der Angst” prägten.

Warum ist diese Entwicklung problematisch? Aus der Kognitionsforschung wissen wir: Menschliche Wahrnehmung arbeitet angesichts der beschränkten Informationsverabeitungskapazität des Gehirns mit verallgemeinernden Kategorieren, um die riesige Menge an über die Sinne aufgenommenen Informationen überhaupt bewältigen zu können. Mittels abstrakter, allgemeiner Wissensstrukturen, Schemata genannt, können Objekte und Ereignisse zwar sehr effizient gedeutet und verstanden werden, da kategoriales Denken aber dazu neigt, Ähnlichkeiten innerhalb einer Kategorie und Unterschiede zwischen Kategorien überzubetonen, sind kognitive Verzerrungen, also Fehler beim Wahrnehmen, Denken und Urteilen, die Folge. Gerade wenn eine Situation nur wenig Anhaltspunkte bietet, kann es geschehen, dass ein Schema aufgerufen wird, das sich als falsch erweist, was umso ungünstiger sein kann, als sich eine falsche Verknüpfung zwischen einem bestimmten Schema und einer bestimmten Situation nur bei entsprechend hoher Motivation in nützlicher Frist korrigieren lässt. Schemata sind also fehleranfällig und nicht leicht zu ändern.

Wer also ständig, um auf den Fall Martin zurückzukommen, die gleichen Bilder farbiger jugendlicher Verbrecher am TV präsentiert bekommt, wird mit der Zeit nur schon beim Anblick eines schwarzen jungen Mannes Angst empfinden. Zudem wird er Häufigkeit und Bedrohlichkeit von durch schwarze junge Männer verübten Verbrechen verfügbarkeitsheuristisch bedeutend höher einschätzen, als sie statistisch belegbar sind.

Medial verursachte kognitive Verzerrungen müssen nicht immer so tragisch enden wie in Sanford, aber sie vergiften nicht zuletzt das vertrauensvolle Zusammenleben in einer Gesellschaft auch dort, wo objektiv gesehen keine wirkliche Bedrohung vorliegt (z.B. in relativ sicheren, friedlichen Wohngegenden etc.).

Abschliessend sei bemerkt, dass ich immer ein überzeugter Befürworter des Second Amendments war und es nach wie vor bin. Das mag den einen oder anderen Leser, der in meinen Beiträgen eher linke Positionen zu entdecken weiss, erstaunen. In der Tat kann ich mich mit der amerikanischen Anti-Gun-Lobby (Bloomberg, Mayors Against Illegal Guns etc.) nicht anfreunden, da für mich der Freiheitsbegriff sehr wohl auch damit zu tun hat, das Recht zu haben, sich mit einer Waffe zu verteidigen.

(1) Glasser, Barry (2000): The Culture of Fear: Why Americans Are Afraid of the Wrong Things. Basic Books, 312 Seiten

(2) Furedi, Frank (2002): Culture of Fear: Risk Taking and the Morality of Low ExpectationContinuum International Publishing Group, 216 Seiten

Reineckerland

Die Rezeption medialer Inhalte zu analysieren ist eine spannende Sache. So auch die Frage, warum Der Kommissar, den das ZDF zwischen 1968 und 1975 in 97 Folgen produzierte, eine so starke Faszination auf Millionen von TV-Zuschauern ausübte. Rolf Aurich, Niels Beckenbach und Wolfgang Jacobsen ist es zu verdanken, ein Buch herausgebracht zu haben, das zum ersten Mal das Gesamtwerk von Herbert Reinecker, dem Drehbuchautor der Serie, beleuchtet und interessante Zusammenhänge zwischen Reineckers eigener Biografie und der Wirkung seiner Drehbücher herstellt.

Warum also war Der Kommissar so erfolgreich? Sicherlich war da zunächst einmal die auf das Wesentliche reduzierte Ästhetik der Serie, die bis zur letzten Folge in Schwarzweiss gedreht wurde, obwohl das Farbfernsehen in der Bundesrepublik Deutschland bereits im Jahre 1967 eingeführt worden war. Das langsame Erzähltempo mit den typischen Dialogrepliken und dramaturgischen Pausen, die zu Herbert Reineckers Markenzeichen wurden, unterstrich dabei diese Reduktion. Da selbst kleine Nebenrollen mit bekannten Schauspielern, die fast alle vom Theater kamen, besetzt wurden, erreichten die Dialogszenen eine geradezu magische Intensität. Nebst  Besetzung und Ästhetik waren es aber vor allem die Geschichten selbst, die die Zuschauer in ihren Bann zogen. Stets mit einer guten Portion Ambivalenz, Widersprüchlichkeit und bedrohter Normalität versehen, liessen sie den existentiellen Abgrund förmlich aus dem TV-Bild herausspringen.

Dass Reinecker ein Flair für Abgründe hatte, erstaunt nicht, denn seine Biografie liest sich wie ein Spiegel der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Im Mai 1945 ist Reinecker 30 Jahre alt und blickt auf das untergegangene nationalsozialistische Deutschland, für das er jahrelang mit Begeisterung geschrieben hatte: zuerst als Redakteur der Zeitschrift Jungvolk, dann als Schriftleiter in der Reichsjugendführung, später als Kriegsberichter der Waffen-SS. Am 5. April 1945 erscheint aus seiner Feder der letzte Leitartikel für Das Schwarze Korps.

Nach dem Krieg verliert sich seine Spur zunächst in der Provinz. Er schreibt für die Feuilletons einiger Zeitungen, wechselt dann aber zum Fernsehen, was sich als kluge Entscheidung herausstellt. Bald beginnt sein Aufstieg zum gefeierten Kino- und TV-Drehbuchautor. Mit dem riesigen Erfolg der Krimiserie Derrick, die in hundert Länder verkauft wird (darunter auch nach Israel), erklimmt Reinecker in den späten 1970er Jahren endgültig den Olymp des Unterhaltungsfernsehens. In den letzten Lebensjahren plagen ihn zunehmend Depressionen und Erinnerungen an den Krieg. 2007 stirbt er in seinem Haus am Starnberger See im Alter von 92 Jahren.

Letztlich blieb Herbert Reinecker nach 1945, wie er in einem Interview selbst einmal sagte, ein Heimatloser. Ein Autor, der in der Nachkriegszeit nie wirklich offen über seine Rolle im Dritten Reich sprach, sie aber auch nie verheimlichte. Ein Mann, der in seinen Geschichten oft Kritik am Wertezerfall der modernen Gesellschaft übte, aber genau wusste, dass die Ideale, an die er in seiner Jugend im Dritten Reich geglaubt hatte, durch Krieg und Massenmord jegliche Legitimität verspielt hatten.

Seine unvollendet gebliebene Aufarbeitung persönlicher Schuld und Verstrickung schlägt sich deutlich in seinen Geschichten nieder, die stets ein widersprüchliches und ambivalentes Bild des Menschseins zeichnen. Nicht zuletzt diese Widersprüchlichkeit ist es, die die 97 Folgen der Kommissar-Serie so einzigartig macht und über das Niveau eines gewöhnlichen Krimis hinauswachsen lässt.

Buch:

Aurich, R., Beckenbach, N. & Jacobsen, W. (2010): Reineckerland – Der Schriftsteller Herbert ReineckerMünchen, Edition Text und Kritik, 329 Seiten

Objektivität

Als ich neulich in der Strassenbahn sass, unterhielten sich hinter mir zwei Schüler über die Frage, wie sich Objektivität auf die Gesellschaft auswirke. Nachdem sie einige Minuten über das Thema diskutiert hatten, fasste einer der beiden seinen Standpunkt mit den Worten zusammen: “Wissenschaftliche Objektivität ist das einzige Mittel, um eine demokratische Gesellschaft vor politischem Missbrauch zu schützen.”

Ein bemerkenswerter Satz aus zwei Gründen: Erstens hob er sich geradezu erstaunlich vom banalen akustischen Alltagsraum der Strassenbahn ab. Zweitens weckte er meine Erinnerung an all die wunderschönen dichotomen Begriffspaare, mit denen ich mir als junger Mensch die Welt begreifbar zu machen versuchte. “Wahrheit-Unwahrheit” war damals besonders wichtig für mich. Ich war überzeugt, dass sich Wahrheit über wissenschaftliche Objektivität herstellen liesse. Unwahrheit war, so dachte ich, schlicht ein residualer Effekt mangelnder Bildung und allgemeiner Ignoranz, wo sie denn nicht aus einer bestimmten malignen Intention heraus bewusst propagiert wurde. Vermittelt wurde mir diese Ansicht nicht zuletzt auch von meinen Lehrern, die einer Generation angehörten, für die wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Fortschritt untrennbar miteinander verbunden waren.

Relativ lange hielt ich unreflektiert an dieser Ansicht fest. Dann kam das Internet, das ich ab 1994 zu nutzen begann, und ein 2004 anlässlich des zwanzigsten Todestages von Michel Foucault erschienener Essay zum Werk des französischen Philosophen und Soziologen. Das eine bereitete sozusagen den Boden zur Rezeption des anderen vor, mag dazwischen auch ein Zeitraum von zehn Jahren liegen.

Das Internet hat zu einer tiefgreifenden Demokratisierung des Informationskonsums und der Informationsverbreitung geführt. Wer mag, kann sich heute über ein bestimmtes Thema informieren und sich mit anderen darüber austauschen, ohne dass er dafür auf die klassischen Informationsbroker (z.B. Lehrer, Professoren, Experten, Bibliotheken, klassische Leitmedien etc.) zurückzugreifen braucht. Es stehen ihm eine riesige Auswahl an unterschiedlichsten Informationsquellen zur Verfügung, in denen nicht selten Meinungen und Ansichten vertreten werden, die sich deutlich vom gesellschaftlichen Mainstream abheben.

Foucault wiederum gereicht es zum Lob, sich unter anderem intensiv mit Machtpraktiken befasst zu haben, die auf den ersten Blick nicht als solche erkannt werden. Ein interessantes Beispiel sind wissenschaftliche Objektivität und Expertentum, die Foucault stets kritisch hinterfragte. Für ihn ist wissenschaftliche Objektivität ein Mythos und nichts anderes als eine diskursive Machtpraktik, die dazu benutzt wird, eine wissenschaftlich begründete Grenze zwischen dem, was zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort für wahr oder falsch zu gelten hat, zu ziehen. Zulassungsbeschränkungen, Diplome, Fachsprache etc. sorgen dafür, dass bestimmte Teilnehmer und Inhalte dabei gar nicht erst zum Diskurs zugelassen werden. (1) Indem etwas zum wissenschaftlichen Fakt erklärt wird, wird es der gesellschaftlichen Diskussion entzogen. Wissenschaft  ist so nicht die Prämisse zur Wahrheit, sondern vielmehr ein raffiniertes Vehikel zur Durchsetzung bestimmter Interessen unter Vortäuschung von Objektivität und Interessenneutralität.

Gerade in einer Zeit, in der der normative Druck im Hinblick auf eine mit den Anforderungen von Mobilität und Globalisierung kongruenten Lebensführung steigt und gesellschaftspolitische Probleme zunehmend von Ökonomen kommentiert werden, sollten wir uns vor scheinbar allzu plausiblen wissenschaftlichen Erklärungen in Acht nehmen, denn nicht selten sind sie nicht so objektiv und interessenfrei, wie sich sich gerne darstellen.

(1) Foucault, M. (1974): Die Ordnung des Diskurses, München, S. 35 ff.

Begrenzte Regelverletzung

Kaum jemand hat das Konzept der begrenzten Regelverletzung so auf den Punkt gebracht wie der Schriftsteller Peter Schneider, der anlässlich eines Sit-ins im Audimax der Freien Universität Berlin im April 1967 zu den versammelten Studentinnen und Studenten sagte:

“Wir haben in aller Sachlichkeit über den Krieg in Vietnam informiert, obwohl wir erlebt haben, dass wir die unvorstellbaren Einzelheiten über die amerikanische Politik in Vietnam zitieren können, ohne dass die Phantasie unserer Nachbarn in Gang gekommen wäre, aber dass wir nur einen Rasen betreten zu brauchen, dessen Betreten verboten ist, um ehrliches, allgemeines und nachhaltiges Grauen zu erregen. […] Da sind wir auf den Gedanken gekommen, dass wir erst den Rasen zerstören müssen, bevor wir die Lügen über Vietnam zerstören können, und […] dass wir gegen den ganzen alten Plunder am sachlichsten argumentieren, wenn wir aufhören zu argumentieren und uns hier in den Hausflur auf den Fussboden setzen. Das wollen wir jetzt tun.” (Zitiert nach: Schneider, P. (2008): Rebellion und WahnKöln, Kippenheuer & Witsch, S. 136-137)

Mit seiner als “Rasen-Rede” in die Protestchronik der 1968er-Bewegung eingegangenen Ansprache schilderte Schneider nicht nur sehr pointiert, wie eine Regelverletzung benutzt werden kann, um über das Eigentliche zu sprechen, sondern stellte auch eine Eigenschaft bloss, die jeder bürgerlichen Gesellschaft inhärent zu sein scheint: nämlich die träge Gleichgültigkeit gegenüber allem, was ausserhalb der geographischen und symbolischen Grenzen bürgerlicher Gemeinschaft geschieht, begleitet von einer permanenten latenten Angst, an der Inszenierung von Bürgerlichkeit persönlich zu scheitern, als ob der Leitspruch gälte: Mag die Welt da draussen auch in Flammen stehen, uns geht das nichts an, doch wehe dem, der es wagt, unsere Inszenierung von innen zu stören. Es liegt auf der Hand, dass die Missachtung eines “Rasen betreten verboten”-Schildes heute kaum mehr provoziert. Die Fragilität der bürgerlichen Gesellschaft als Bedingung für das Wutpotential des Bürgers im Hinblick auf (zuweilen auch bloss vermeintliche) Regelverletzungen gilt allerdings unverändert, wenn auch die Ursachen dieser Fragilität heute andere sind. Am Beispiel der Bundesrepublik lässt sich dieser Punkt wunderbar veranschaulichen: Während in den 1960er Jahren die Inszenierung bundesrepublikanischer Bürgerlichkeit aufgrund unvollständiger Vergangenheitsbewältigung, verdrängter Schuld und einer im kollektiven Gedächtnis nach wie vor sehr wirksamen Erinnerung an Krieg und Drittes Reich latent bedroht war, sieht sie sich heute neuen Bedrohungskategorien wie Globalisierung, demographische Entwicklung, Klimawandel, geopolitische Verschiebungen etc. gegenüber. Damals wie heute braucht es daher nur wenig, um die schweigende Mehrheit aus der Fassung zu bringen und nach radikalem Durchgreifen verlangen zu lassen.  Und damals wie heute sind die Boulevardmedien stets zur Stelle, um das “gesunde Volksempfinden” in die “richtige” Richtung zu lenken. Es mag sein, dass die Angst des Bürgers vor der Regelverletzung nichts anderes ist als sein Unbehagen, wie Sartre sagen würde, vor seiner eigenen Kontingenz, der er nicht entkommen kann, der er sich aber zumindest durch eine bürgerliche Fassade eine Zeit lang zu entziehen versucht. Immer wieder neu zu reflektieren ist auf jeden Fall die Frage, inwieweit diese Angst, die von manchen Medien so gerne geschürt wird, als Instrument der Menschenführung eingesetzt wird.

Der Geist von Philadelphia

Alain Supiots wunderbares kleines Buch* über die Erklärung von Philadelphia hat mich dazu inspiriert, die von der Internationalen Arbeitsorganisation im Jahre 1944 verabschiedete Erklärung einmal ganz zu lesen. Als Gründungsdokument moderner Sozialstaatlichkeit atmet sie die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemachten Erfahrungen ungeheurer politischer und gesellschaftlicher Verwerfungen, postuliert soziale Gerechtigkeit und faire Arbeitsbedingungen als Grundlage für dauerhaften Frieden und allgemeine Prosperität.

Wer das Dokument heute liest, stellt fest, dass im gegenwärtigen gesellschafts- und ordnungspolitischen Diskurs kaum mehr etwas  vom Geist von Philadelphia zu spüren ist. Wo ist er geblieben? In den letzten drei Jahrzehnten wurde er durch eine geradezu groteske Verklärung eines angeblich unfehlbaren freien Marktes verdrängt. Was die Chicagoer Schule seit den 1930er Jahren gepredigt hatte, wurde in den 1980er Jahren unter Ronald Reagan in den Vereinigten Staaten und Margaret Thatcher in Grossbritannien beherzt in die Tat umgesetzt und erlangte, beflügelt durch den Untergang des unglücklichen real-sozialistischen Experiments, nach und nach in ganz Europa den Status einer obersten wirtschaftspolitischen Maxime. Die jüngsten Erschütterungen durch Finanz- und Bankenkrise haben den Geist von Philadelphia zwar zumindest in den Feuilletons der grossen Leitmedien teilweise wieder etwas ins allgemeine Bewusstsein gerückt, aber das ist vorläufig auch schon alles.

Das Dokument von 1944 ist besonders deshalb so wichtig, weil es vor dem Hintergrund der schrecklichen Folgen eines entfesselten Szientismus formuliert wurde, der, etwas vereinfacht gesagt, zwei Hauptströmungen umfasste: eine biologisch-anthropologische und eine historisch-ökonomische. Die eine mündete in Rassenlehre und Massenvernichtung im Dritten Reich, die andere trieb in Gestalt des dialektischen Materialismus in der Sowjetunion und anderen “sozialistischen” Staaten ihr Unwesen. Beiden gemeinsam war eine rücksichtslose Verdinglichung des Menschen sowie ein fanatischer Glauben daran, dass sich mit naturwissenschaftlichen Methoden die Fragestellungen aller gesellschaftlichen Bereiche beantworten lassen, wenn sie denn nur konsequent genug angewendet werden. Die Verfasser der Erklärung von Philadelphia bezogen eine moralische Gegenposition, indem sie den Wert und die Bedürfnisse des einzelnen Menschen wieder in den Mittelpunkt stellten.

Die Analogie zu heute liegt auf der Hand: Was ist die zunehmende Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die den Menschen zu einem Produktionsfaktor erklärt, den es möglichst gewinnbringend einzusetzen gilt, denn anderes als szientistisches Denken im neuen Gewand?  Weil uns die mahnende schreckliche Erfahrung früherer Generationen fehlt, neigen wir dazu, diese neue Verdinglichung des Menschen nicht als solche zu sehen, was ein Fehler ist. Denn: Mag ihre Schrecklichkeit auch nicht so augenfällig sein, trägt sie dieselbe gefährliche Menschenverachtung in sich wie ihre Vorgängerin.

* Supiot, Alain (2011): Der Geist von Philadelphia. Soziale Gerechtigkeit in Zeiten entgrenzter Märkte. Hamburger Edition, 143 Seiten. Aus dem Französischen von Ilse Utz.