1968, wo bleibst Du?

dutschke

Da ich 1968 auf die Welt gekommen bin, begleitet mich die besondere Physiognomie dieses Jahres bis heute. Als Kind verstand ich nicht genau, was 1968 war, war von dieser mythischen Chiffre aber umso faszinierter. In den achtziger Jahren dann verbrachte ich als Schüler viele Stunden in der Freihandausleihe der Zentralbibliothek und stöberte nach Büchern zum Thema. Da ich es selbst nicht erlebt hatte, wollte ich mir 1968 zumindest, so gut es ging, erlesen.

Unzählig die mit Freunden anlässlich der „Jubiläumsjahre“ 1988, 1998 und 2008 geführten Diskussionen, ob sich die Ereignisse von damals wohl eines Tages wiederholten. Nach Finanzkrise und heterogen-ephemerer Occupy-Wallstreet-Bewegung sowie angesichts der aktuellen EU-Schuldenkrise wird die Frage in Feuilletons und TV-Talkrunden dezidierter diskutiert denn je: Wo bleibt eine kohärente Kritik von links? Wo ist das politische studentische Bewusstsein von 1968 geblieben? Die Antwort nimmt sich meiner Meinung nach ebenso reduktionistisch wie erschreckend aus: Die soziale Verfasstheit unserer westlichen Demokratien hat sich in den letzten 25 Jahren radikal verändert. Während beispielsweise die bundesrepublikanische 68er-Generation zwar in einem Staat sozialer Enge, schamloser Kontinuität der Eliten und verdrängter Schuld gross geworden war und nicht zuletzt dagegen auf die Strasse ging, kannte sie häufig keine Angst vor wirtschaftlicher Prekarität und Exklusion. Studienplätze und Arbeit gab es in den späten Boomjahren genug. Und wer mal arbeitslos wurde, den versorgte der Staat grosszügig. Heute, wo bereits Schüler und Studenten einem gnadenlosen Konkurrenzdruck unterworfen sind und immer mehr Unternehmen selbst hochspezialisierte Jobs ins billigere Ausland auslagern, herrscht eine regelrechte Angst vor dem Schreckgespenst sozialen Abstiegs und der damit verbundenen Verbannung aus der (Konsum-)Gesellschaft. Manch ein Student blickt nach seinem Abschluss einer mehr als unsicheren beruflichen Zukunft entgegen, manch bürgerliche Idylle ist permanent bedroht von der Angst, die Inszenierung der Bürgerlichkeit ökonomisch nicht mehr durchhalten zu können.

Marie Jahodas und Hans Zeisels Klassiker der empirischen Arbeitslosenforschung aus den 1930er Jahren, Die Arbeitslosen von Marienthal, zeigte schon damals, was mit Menschen passiert, die keine Arbeit mehr haben oder Angst haben, diese zu verlieren. Es kommt nicht zur Revolte und zu gemeinsamen Aktionen des Widerstandes, sondern zur Vereinzelung des Einzelnen und zur Entsolidarisierung der Gesellschaft. Angst vor Arbeitslosigkeit und der Zustand, keine Arbeit zu haben, machen passiv und müde, rauben dem Individuum jegliche Kraft. Dies gilt heute für unsere westlichen Gesellschaften in einem globalisierten geopolitischen Kontext umso mehr und stellt eine besondere Herausforderung dar.

Was also ist zu tun? Nun, lasst uns die alten Klassiker der Gesellschaftskritik neu lesen und daraus eine aktualisierte Kritik des Kapitalismus formulieren, die so ästhetisch ist wie eine Hochglanzbroschüre und nicht nur Verstand, sondern auch Herz und Emotionen anspricht. Klingt zugegeben etwas überspitzt und plakativ, aber wir sollten eines nicht vergessen: Linke Positionen lassen sich in der „Originalverpackung“ heute schlicht nicht mehr an den Mann bzw. an die Frau bringen. Mancher Alt-Linke würde sich zwar beim Gedanken, linke Gesellschaftskritik als Produkt und ihr Erfolg als strategische Marketingaufgabe zu verstehen, im Grabe umdrehen, aber nur so lässt sie sich heute wieder erfolgreich vermitteln. Und schliesslich braucht die Linke eine gehörige Portion frischen Muts und Selbstvertrauens, um endlich zum programmatischen Gegenschlag auszuholen, nachdem sie das idelogische Feld nach dem Ende des schrecklich unattraktiven Experiments des real existierenden Sozialismus viel zu lange neoliberalen Schwätzern, Individualismuspredigern und einer geradezu grotesken Ökonomisierung aller Lebenssphären überlassen hat. Es ist Zeit, den alten Marx vom staubigen Regal zu holen, für die heutige Zeit fit zu machen und mit einer gehörigen Portion „Swag“ zu versehen.

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