Bis zur letzten Stunde

junge

Mit der Erinnerungsliteratur zum Nationalsozialismus ist es so eine Sache. Wer sich damit schon einmal etwas näher beschäftigt hat, weiss, wie schnell sich Aufklärungsanspruch und Schönfärberei zu verwischen neigen. Letzterer liegt zuweilen nicht einmal eine Täuschungsabsicht des Autors zugrunde, sondern ist vielmehr das unvermeidliche Produkt einer während Jahrzehnten unbewusst geleisteten Arbeit biografischer Dissonanzreduktion der Psyche.

Diesem Genre, um es einmal so zu nennen, ist also durchaus mit einer gewissen Skepsis zu begegnen. Das dachte ich mir auch, als ich Traudl Junges Erinnerungen an ihre Zeit als Sekretärin bei Hitler vor gut zehn Jahren geschenkt erhielt und es ungelesen ins heimische Bücherregal einreihte. Bereits 1947/48 aufgeschrieben, waren die Erinnerungen im Jahre 2002 kurz vor Junges Tod unter der kundigen Mitarbeit Melissa Müllers im Claassen Verlag als Buch erschienen.

Vor kurzem nahm ich das Buch mehr zufällig wieder einmal aus dem Regal und konnte es nicht mehr weglegen, bis ich es ganz gelesen hatte. Die Erinnerungen Junges lesen sich stellenweise zweifelsohne geradezu gespenstisch oberflächlich und naiv, vermitteln dem interessierten Leser aber ungemein atmosphärische Detailbeschreibungen des Alltags rund um Hitler und seine Entourage – sei es auf Reisen, auf dem Berghof oder im Führerbunker. Die von Melissa Müller geschriebene biografische Einleitung und das ausführliche Nachwort runden den Hauptteil des Buches mit den in der ursprünglichen Fassung wiedergegebenen Aufzeichnungen Junges aus dem Jahren 1947/48 ab.

Junge, T. (2002): Bis zur letzten Stunde. Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben. Berlin, Claassen, 271 Seiten

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