Der Geist von Philadelphia

globalisierung

Alain Supiots wunderbares kleines Buch über die Erklärung von Philadelphia hat mich dazu inspiriert, die von der Internationalen Arbeitsorganisation im Jahre 1944 verabschiedete Erklärung einmal ganz zu lesen. Als Gründungsdokument moderner Sozialstaatlichkeit atmet sie die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemachten Erfahrungen ungeheurer politischer und gesellschaftlicher Verwerfungen, postuliert soziale Gerechtigkeit und faire Arbeitsbedingungen als Grundlage für dauerhaften Frieden und allgemeine Prosperität.

Wer das Dokument heute liest, stellt fest, dass im gegenwärtigen gesellschafts- und ordnungspolitischen Diskurs kaum mehr etwas  vom Geist von Philadelphia zu spüren ist. Wo ist er geblieben? In den letzten drei Jahrzehnten wurde er durch eine geradezu groteske Verklärung eines angeblich unfehlbaren freien Marktes verdrängt. Was die Chicagoer Schule seit den 1930er Jahren gepredigt hatte, wurde in den 1980er Jahren unter Ronald Reagan in den Vereinigten Staaten und Margaret Thatcher in Grossbritannien beherzt in die Tat umgesetzt und erlangte, beflügelt durch den Untergang des unglücklichen real-sozialistischen Experiments, nach und nach in ganz Europa den Status einer obersten wirtschaftspolitischen Maxime. Die jüngsten Erschütterungen durch Finanz- und Bankenkrise haben den Geist von Philadelphia zwar zumindest in den Feuilletons der grossen Leitmedien teilweise wieder etwas ins allgemeine Bewusstsein gerückt, aber das ist vorläufig auch schon alles.

Das Dokument von 1944 ist besonders deshalb so wichtig, weil es vor dem Hintergrund der schrecklichen Folgen eines entfesselten Szientismus formuliert wurde, der, etwas vereinfacht gesagt, zwei Hauptströmungen umfasste: eine biologisch-anthropologische und eine historisch-ökonomische. Die eine mündete in Rassenlehre und Massenvernichtung im Dritten Reich, die andere trieb in Gestalt des dialektischen Materialismus in der Sowjetunion und anderen „sozialistischen“ Staaten ihr Unwesen. Beiden gemeinsam war eine rücksichtslose Verdinglichung des Menschen sowie ein fanatischer Glauben daran, dass sich mit naturwissenschaftlichen Methoden die Fragestellungen aller gesellschaftlichen Bereiche beantworten lassen, wenn sie denn nur konsequent genug angewendet werden. Die Verfasser der Erklärung von Philadelphia bezogen eine moralische Gegenposition, indem sie den Wert und die Bedürfnisse des einzelnen Menschen wieder in den Mittelpunkt stellten.

Die Analogie zu heute liegt auf der Hand: Was ist die zunehmende Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die den Menschen zu einem Produktionsfaktor erklärt, den es möglichst gewinnbringend einzusetzen gilt, denn anderes als szientistisches Denken im neuen Gewand?  Weil uns die mahnende schreckliche Erfahrung früherer Generationen fehlt, neigen wir dazu, diese neue Verdinglichung des Menschen nicht als solche zu sehen, was ein Fehler ist. Denn: Mag ihre Schrecklichkeit auch nicht so augenfällig sein, trägt sie dieselbe gefährliche Menschenverachtung in sich wie ihre Vorgängerin.

Supiot, Alain (2011): Der Geist von Philadelphia. Soziale Gerechtigkeit in Zeiten entgrenzter Märkte. Hamburger Edition, 143 Seiten. Aus dem Französischen von Ilse Utz.

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