Gedanken zur Identitätsbildung

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Vor etwas mehr als 20 Jahren habe ich erlebt, wie mein Grossvater quasi übernacht seine Identität als italienischer Altkommunist verlor, als sich Parteichef Achille Occhetto daran begab, die Kommunistische Partei Italiens im Hinblick auf die durch die historischen Ereignisse als diskreditiert geltende kommunistische Ideologie in die neue Demokratische Partei der Linken überzuführen. Ich verstand plötzlich, wie sehr mein Grossvater seine gesamte Identität aus seiner Parteimitgliederkarte, aus den „geheiligten Erzählungen der Oktoberrevolution“ (Kertzer, 1996) und aus einem allgemeinen Gefühl, der Avantgarde der Geschichte anzugehören, geschöpft hatte. Mit der Neuorientierung der Partei verlor er einen zentralen Bezugspunkt im Leben. Bis zu seinem Tod einige Jahre später erholte er sich von diesem Identitätsverlust nicht mehr.

Diese kleine Episode lehrte mich drei Dinge zum Thema Identität: Identität ist fragil, lässt sich nicht so einfach neu erfinden und wird sehr oft aus einem bestehenden symbolischen Inventar geschöpft. Echte Handlungsfreiheit bei der Identitätsbildung ist daher nur sehr eingeschränkt gegeben.

Daher gefällt mir auch der Ansatz von Althusser so gut, der sagt, dass wir unsere eigene Identität nicht aus dem Nichts kreieren, sondern vielmehr von bestehenden „Identitätspositionen“ und den mit ihnen in Zusammenhang stehenden Symbolinventaren dazu eingeladen werden, eine bestimmte Position für uns zu prüfen, anzunehmen und sie uns überzustülpen (Althusser, 1971). Mein Grossvater stand nach dem erlittenen Identitätsverlust vor dem Problem, dass er keine alternative bzw. neue Identitätsposition sah, die ihm attraktiv genug erschienen wäre, um die alte damit zu ersetzen.

Besonders drastisch erleben wir unseren Mangel an Handlungsfreiheit dann, wenn unsere Identität umfassend angegriffen wird, wie dies jüdischen Personen im Dritten Reich widerfuhr, als sie zur Outgroup erklärt, zunehmend entrechtet und letztlich verfolgt und umgebracht wurden. In dieser Situation hatten sie überhaupt keine Handlungsfreiheit im Umgang mit ihrer Identität. Eine Anpassung oder Neuerfindung ihrer Identität war ihnen verwehrt, denn die Ingroup (das „deutsche Volk“) bot ihnen keine alternativen Identitätspositionen an, die sie hätten annehmen können. Als einziger Ausweg blieben somit Flucht, Emigration oder jahrelanges Verstecken. Dies zeigt auf sehr prägnante Weise, wie in gewissen historischen Situationen strukturelle Kräfte jegliche indentitätsbezogene Autonomie verunmöglichen.

Unsere Abhängigkeit von Gesellschaft und Mitmenschen im Hinblick auf unsere Identitätsbildung kann zuweilen allerdings auch im positiven Sinne wirken. Erwähnt sei an dieser Stelle die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA mit ihrem Kampf  um Gleichberechtigung, die nicht zuletzt deshalb so an Dynamik gewinnen konnte, weil sie auf eine weisse Gesellschaft traf, in der wichtige Akteure der Veränderung bereits aktiv waren oder noch aktiv werden sollten (Intellektuelle, Künstler, Great Society-Programm etc.).

Nach wie vor erinnert uns die Biologie besonders dezidiert daran, dass wir nur bedingt Herr unserer eigenen Identität sind. So bestimmt unser Geschlecht, wie wir von unseren Eltern erzogen werden, welche Verhaltensmuster die Gesellschaft von uns erwartet, welche Eigenschaften geschätzt werden und so weiter. Spannend die Frage, in welche Richtung es in Zukunft gehen wird: Fallen die biologischen Einschränkungen aufgrund medizinischer und medizintechnischer Fortschritte zunehmend weg oder werden sie eventuell durch eine unegalitäre Verteilung von „Body-Modification-Ressourcen“, um sie mal so zu nennen, gar um ein Vielfaches verstärkt?

Althusser, L. (1971): Lenin and Philosophy, and Other Essays. London, New Left Books

Kertzer, D. (1996): Politics and Symbols. New Haven, Yale University Press

Woodward, K. (2004): Questioning Identity: Gender, Class, Ethnicity. Milton Keynes, OU Press

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