Lehrstück über die Freiheit

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Es liegt schon eine besondere Pikanterie darin, wie ein sich grossbürgerlich in Szene setzender deutscher Bundespräsident ausgerechnet über den rechtschaffenen Traum, ein Eigenheim zu besitzen, stolpert.

„Um Gottes willen, nicht noch ein Artikel über die Wulff-Affäre, von der wir nun schon seit so vielen Wochen in geradezu wüster Weise gelangweilt werden“, werden Sie jetzt vielleicht denken. Doch ich glaube, dass es sehr wohl lohnt, noch ein paar Gedanken an die Geschichte zu verschwenden, da sie eines auf den Punkt bringt: Mag jemand, um mit Bourdieu zu sprechen, noch so viel soziales, kulturelles und symbolisches Kapital besitzen: Wer nicht über eine ausreichende Menge an ökonomischem Kapital verfügt, bleibt letztlich, ob deutscher Bundespräsident oder einfacher Facharbeiter, abhängig, verletzlich und unfrei.

Es ist vermutlich eines der historisch bemerkenswertesten Meisterstücke des Kapitalismus im 20. Jahrhundert, die alten Klassenantagonien in unserer Gesellschaft überwunden und bis heute grössere systemgefährdende Verwerfungen vermieden zu haben. Er bediente sich dabei einer geschickten Doppelstrategie: Einerseits wurden, nicht immer ganz freiwillig, die noch heute existierenden grossen Sozialversicherungswerke, Personalvorsorgekassen etc. geschaffen, auf der anderen Seite bekamen Arbeiter und Angestellte eine geradezu messianisch anmutende Verheissung offenbart: „Konsumiere und Du kannst so leben wie ‚die da oben’. Mit viel Fleiss überwindest Du Deine Herkunft, wohnst eines Tages gutbürgerlich im eigenen Haus mit Garten und bist glücklich.“ Und siehe da, eine gewisse Zeit lang sah es auf den ersten Blick auch fast so aus, als ob sich der Traum erfüllte: Der Wohlstand kam, die Proletarisierung wanderte in die Entwicklungsländer aus und der Traum von allgemeiner Prosperität und Lebensglück schien in greifbare Nähe gerückt. Bis vor einigen Jahren wollte und konnte so mancher unter uns noch an diesem Traum festhalten. Heute wissen wir, dass er durch Globalisierungsdruck, geostrategische Verschiebungen, demografische Entwicklung und extreme Ökonomisierung aller Lebensbereiche in den westlichen Gesellschaften akut bedroht ist und nicht mehr lange aufrechtzuhalten ist.

Vielleicht ganz gut so, denn letztlich war es eben nur ein Traum, dem so viele aufgesessen sind. Eine Täuschung geradezu, der sich das kapitalistische System in geschickter Weise bediente, um von der traurigen Wahrheit abzulenken, dass die Kluft zwischen Arm und Reich unverändert riesig ist und echte Freiheit (wenn wir mal von der „inneren Freiheit“ und ähnlichen Konzepten absehen) nur mit sehr, sehr viel Geld zu haben ist. Denn: Was nutzen Eigenheim, schöne Autos und tolle Reisen, wenn wir letztlich von der Quelle abhängig sind, aus der das Geld stammt. So lange diese Abhängigkeit wie bei Christian Wulff vorhanden ist, bleiben wir unfrei und abhängig wie einst der einfache Arbeiter am Fliessband.

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