Objektivität

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Als ich neulich in der Strassenbahn sass, unterhielten sich hinter mir zwei Schüler über die Frage, wie sich Objektivität auf die Gesellschaft auswirke. Nachdem sie einige Minuten über das Thema diskutiert hatten, fasste einer der beiden seinen Standpunkt mit den Worten zusammen: „Wissenschaftliche Objektivität ist das einzige Mittel, um eine demokratische Gesellschaft vor politischem Missbrauch zu schützen.“

Ein bemerkenswerter Satz aus zwei Gründen: Erstens hob er sich geradezu erstaunlich vom banalen akustischen Alltagsraum der Strassenbahn ab. Zweitens weckte er meine Erinnerung an all die wunderschönen dichotomen Begriffspaare, mit denen ich mir als junger Mensch die Welt begreifbar zu machen versuchte. „Wahrheit-Unwahrheit“ war damals besonders wichtig für mich. Ich war überzeugt, dass sich Wahrheit über wissenschaftliche Objektivität herstellen liesse. Unwahrheit war, so dachte ich, schlicht ein residualer Effekt mangelnder Bildung und allgemeiner Ignoranz, wo sie denn nicht aus einer bestimmten malignen Intention heraus bewusst propagiert wurde. Vermittelt wurde mir diese Ansicht nicht zuletzt auch von meinen Lehrern, die einer Generation angehörten, für die wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Fortschritt untrennbar miteinander verbunden waren.

Relativ lange hielt ich unreflektiert an dieser Ansicht fest. Dann kam das Internet, das ich ab 1994 zu nutzen begann, und ein 2004 anlässlich des zwanzigsten Todestages von Michel Foucault erschienener Essay zum Werk des französischen Philosophen und Soziologen. Das eine bereitete sozusagen den Boden zur Rezeption des anderen vor, mag dazwischen auch ein Zeitraum von zehn Jahren liegen.

Das Internet hat zu einer tiefgreifenden Demokratisierung des Informationskonsums und der Informationsverbreitung geführt. Wer mag, kann sich heute über ein bestimmtes Thema informieren und sich mit anderen darüber austauschen, ohne dass er dafür auf die klassischen Informationsbroker (z.B. Lehrer, Professoren, Experten, Bibliotheken, klassische Leitmedien etc.) zurückzugreifen braucht. Es stehen ihm eine riesige Auswahl an unterschiedlichsten Informationsquellen zur Verfügung, in denen nicht selten Meinungen und Ansichten vertreten werden, die sich deutlich vom gesellschaftlichen Mainstream abheben.

Foucault wiederum gereicht es zum Lob, sich unter anderem intensiv mit Machtpraktiken befasst zu haben, die auf den ersten Blick nicht als solche erkannt werden. Ein interessantes Beispiel sind wissenschaftliche Objektivität und Expertentum, die Foucault stets kritisch hinterfragte. Für ihn ist wissenschaftliche Objektivität ein Mythos und nichts anderes als eine diskursive Machtpraktik, die dazu benutzt wird, eine wissenschaftlich begründete Grenze zwischen dem, was zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort für wahr oder falsch zu gelten hat, zu ziehen. Zulassungsbeschränkungen, Diplome, Fachsprache etc. sorgen dafür, dass bestimmte Teilnehmer und Inhalte dabei gar nicht erst zum Diskurs zugelassen werden. (1) Indem etwas zum wissenschaftlichen Fakt erklärt wird, wird es der gesellschaftlichen Diskussion entzogen. Wissenschaft  ist so nicht die Prämisse zur Wahrheit, sondern vielmehr ein raffiniertes Vehikel zur Durchsetzung bestimmter Interessen unter Vortäuschung von Objektivität und Interessenneutralität.

Gerade in einer Zeit, in der der normative Druck im Hinblick auf eine mit den Anforderungen von Mobilität und Globalisierung kongruenten Lebensführung steigt und gesellschaftspolitische Probleme zunehmend von Ökonomen kommentiert werden, sollten wir uns vor scheinbar allzu plausiblen wissenschaftlichen Erklärungen in Acht nehmen, denn nicht selten sind sie nicht so objektiv und interessenfrei, wie sich sich gerne darstellen.

(1) Foucault, M. (1974): Die Ordnung des Diskurses, München, S. 35 ff.

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