Salesman (1968)

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Die Dokumentarfilmer David und Albert Maysles sind den meisten Cineasten vor allem durch Gimme Shelter (1970) bekannt. Für dieses Rockumentary begleiteten sie die Rolling Stones nach Altamont zu einem Gratiskonzert, das in Chaos und Gewalt endete. Die von den Veranstaltern als Ordnungstruppe angeheuerten Hell’s Angels erstechen während des Konzerts direkt vor der Bühne einen Konzertbesucher. Der tödliche Messerstich wird zum schmerzhaften Symbol für die verlorene Unschuld einer ganzen Generation, der Film zu einem Dokument zerstörter naiver Hoffnungen auf eine friedlichere, glücklichere Welt.

Aufgrund des grossen Erfolges von Gimme Shelter ist das etwas ältere, aber für mich beste Werk der Maysles-Brüder, Salesman (1968), fast in Vergessenheit geraten. Völlig zu Unrecht, wie jeder weiss, der den Film schon mal gesehen hat.

Während in Gimme Shelter die rebellische Musik der Stones als Teil der jugendlichen Protestkultur im Mittelpunkt steht, wenden sich David und Albert Maysles in Salesman dem anderen, alltäglichen Amerika der späten sechziger Jahre zu. Sie filmen Paul Brennan und seine drei Kollegen, wie sie in den Vororten des winterlich verschneiten Boston von Tür zu Tür gehen, um Bibeln zu verkaufen. Der Film, ein Klassiker des amerikanischen Direct Cinema, zeichnet ein faszinierendes Bild der vier Protagonisten, die sich in einer Welt häufiger Abweisungen, billiger Motels und erfolgloser Verkäufe täglich neu motivieren müssen, um ihren Job zu meistern. Das Geschäft ist hart, denn ihre Kunden aus der weissen unteren Mittelschicht haben wenig Geld.

Im Laufe des Films erlebt der Zuschauer den allmählichen Abstieg Paul Brennans, der dem täglichen Quotendruck nicht mehr standhält und letztlich wie Willy Loman in Arthur Millers Death of a Salesman am amerikanischen Traum scheitert. Paul Brennans Schicksal wird so zur feinfühligen, sozialkritischen Meditation über die für Amerika typische Vermischung von Glauben und Kommerz, ja über die „condition humaine“ schlechthin. Ein traurig-humorvoller Film, der den Zuschauer nicht zuletzt auf sich selbst zurückwirft und ihn über sein eigenes Leben nachdenken lässt.

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